Der Fotograf vor der Kamera

Synopsis

„Ich bin Geschichtenerzähler. Meine Bilder müssen etwas aussagen. Schöne Bilder zu machen überlasse ich anderen.“ Erich Lessing hat mit seinen Fotografien nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch Zeitgeschichte geschrieben. Mit seinem in Österreich bekanntesten Bild – Leopold Figl mit unterzeichnetem Staatsvertrag am Balkon des Belvedere – hat er sich im kollektiven Gedächtnis des Landes verewigt. Lessing gehört zu den bedeutendsten europäischen Reportage-Fotografen der Nachkriegszeit, und seine sorgsam komponierten Aufnahmen legen Zeugnis ab von den großen politischen Umbrüchen: Seine Fotografien vom Aufstand in Ungarn 1956 sind ebenso kunstvolle Zeitdokumente wie seine Porträtaufnahmen von Charles de Gaulle, Konrad Adenauer und Nikita Chruschtschow. „Ich habe gewartet. Die anderen haben alle nicht gewartet“, erklärt er eines seiner ungewöhnlichen Bilder des sowjetischen Regierungschefs – und damit sein vielleicht wichtigstes Credo: Geduld haben für den richtigen Augenblick.

Tizza Covi und Rainer Frimmel haben für Der Fotograf vor der Kamera den auch heute noch viel beschäftigen 90-Jährigen über einen längeren Zeitraum hinweg begleitet: Wir sehen Erich Lessing bei der Eröffnung seiner Wiener Galerie; wir beobachten ihn als Gast bei einer populären Unterhaltungsshow im Fernsehen; wir folgen ihm nach Paris in die Zentrale der legendären Fotoagentur Magnum; und wir erleben ihn wiederholt in privatem Rahmen bei Gesprächen mit seiner Frau, die ihn seit vielen Jahren bei seiner Arbeit unterstützt.
Für ihr filmisches Porträt nehmen sich Covi und Frimmel – wie Lessing es von der künstlerischen Fotografie einfordert – ausreichend Zeit für Details: Es sind oft die kleinen Gesten und kurzen Momente, die in diesem Film mehr erzählen, als es ein langer Bericht über ein Künstlerleben könnte. „Die waren so schön, diese breiten, riesigen Knoten“, bemerkt Lessing etwa beim Krawattenbinden und bedauert das Verschwinden des legendären Windsor-Knotens. Auch Der Fotograf vor der Kamera erzählt vom Verschwinden, und zwar von jenem der analogen Fotografie. Was heute im Zeitalter des digitalen Fotografierens zähle, meint Lessing, sei vor allem die Schnelligkeit. „Die Kompositionen eines Henri Cartier-Bresson sind vorbei.“
Doch für die neue Technik interessiert sich Lessing durchaus, und einmal kann man den berühmten Fotografen gar beobachten, wie er auf seinem iPad ein Fotopuzzle zusammenbaut – ein schönes Bild dafür, wie auch Covi und Frimmel in ihrer Arbeit einzelne Ausschnitte zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Doch glücklicherweise bleibt vieles in diesem Film dennoch offen: Eine gute Fotografie müsse zum Weiterdenken anregen, so Lessing, und auch Der Fotograf vor der Kamera lädt dazu ein, die Arbeit Erich Lessings mit neuen Augen zu betrachten.

Warum Lessing in den Fünfziger Jahren die politische Reportage-Fotografie aufgegeben und sich der Kunstfotografie zugewendet hat, wird ersichtlich, wenn Covi und Frimmel ihn bei der Bilderauswahl für einen neuen Fotoband beobachten: Ein gutes Bild müsse für sich selbst stehen, erklärt Lessing, als Ausdruck von Sehnsucht und Hoffnung. „Habe ich eine Liebe zur Fotografie?“, gibt er die Frage an einen jungen Radioreporter zurück. „Ich weiß es nicht. Aber die Fotografie ist ein wunderbares Medium, um etwas von sich selbst mitzuteilen.“